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Langsam ging Rory den Weg zum Steg. Eigentlich wollte sie rennen, doch sie konnte sich zurückhalten. Sie wollte nicht zu schnell dort sein. Zum einen, weil sie nicht wusste, wie sie auf das Treffen mit Jess reagieren sollte, zum anderen, weil er nicht denken sollte, sie würde ihm nachlaufen. Denn genau das tat sie. Obwohl sie es nicht wollte. Als sie zwischen den Bäumen hindurch ging, sah sie ihn schon. Er stand da und wartete. Auf sie. Am liebsten hätte sie umgedreht. Sollte er doch ruhig ein wenig länger warten. Doch ein Gedanke lieà sie nicht mehr los. Wenn sie nicht bald kommen würde, könnte er die Nerven verlieren und wieder abhauen. Das wollte sie nicht, denn dann würde sie nie den Grund seines Besuches erfahren. Sie stand eine Weile da und sah ihn nur an. Er sah so aus wie immer. Etwas anderes wäre auch verwunderlich gewesen, immerhin hatte sie ihn vor einer Woche erst das letzte Mal gesehen. Dann fasste sie allen Mut zusammen und betrat den Steg. Sie spürte den harten Holzboden unter ihren Sandalen.
Jess schreckte hoch als er das Knarren des Stegs vernahm. Da stand sie. Sie war hübsch wie eh und je. Wenn er sie ansah, verliebte er sich jedesmal aufs Neue in sie. Langsam ging sie auf ihn zu. Er lächelte sie leicht an, doch sie erwiderte diesen Gruà nicht. Doch das wunderte ihn nicht. Er hatte ihr weh getan. Wieder einmal. Vor ihm blieb sie stehen. Er konnte nichts sagen. Er wollte, doch seine Kehle war wie ausgetrocknet. Also ergriff sie das Wort.
"Warum bist du hier?"
"Ich wollte sehen, wie es dir geht. Ob du gut angekommen bist."
"Es gibt ein Telefon."
"Ich hab ja angerufen, aber deine Mum hat immer aufgelegt."
Rory konnte es nicht glauben. Tagelang hatte sie sich ihre Augen ausgeheult, weil er sich nicht gemeldet hatte, und dann erfuhr sie das. Ihre Mum war schuld. Sie hatte jedes Gespräch verhindert.
Jess hatte ihr entsetztes Gesicht gesehen und wollte sie trösten. Er ging einen Schritt auf sie zu, doch Rory wich zurück. Sie wollte keinen Trost von ihm. Sie musste ihre Maske aufrecht halten.
"Tja, jetzt siehst du, dass es mir gut geht. Also kannst du wieder fahren."
Sie drehte sich um und wollte gehen, doch er hielt sie am Arm fest.
"Rory..."
Jetzt war es um Rory geschehen. Sie schaffte es nicht länger, ihre Tränen zurück zu halten. Die Wut und der Ãrger der letzten Tage kamen in ihr hoch. Sie musste all ihren Gefühlen freien Lauf lassen.
"Nein, Jess, komm mir nicht auf die Tour. Eine Woche lang hab ich nichts von dir gehört. Ich hatte keine Ahnung, wo du bist, ob du noch irgendwelche Gefühle für mich hast. Nichts. Und jetzt bist du wieder hier. Einfach so, ohne Vorwarnung. Tut mir leid, aber das ist zu viel für mich. Ich bin mit dir gegangen, war bereit alles für dich zu opfern und du schickst mich weg."
Jess wollte etwas erwidern. Ihr sagen, dass er sie nicht wegschicken wollte, doch sie hob ihre Hand und deutete ihm somit, dass er still sein sollte.
"Jetzt bin ich wieder hier. Und weiÃt du was, es ist schrecklich hier. Ich werde von allen und jedem schief angesehen. Ich war immer das brave Mädchen, aber das bin ich jetzt nicht mehr. Ich bin davongelaufen. Ihrer Meinung nach hast du mich zu diesem bösen Mädchen gemacht. Mir war immer egal, was die anderen denken. Aber so kann ich nicht leben. Meine Mum hasst mich, meine GroÃeletern verachten mich, nur Luke ist auf meiner Seite. Jess ich liebe dich, aber es ist mir egal, wenn du nicht das gleiche für mich empfindest. Ich werde darüber hinweg kommen. Luke wird mir dabei helfen. Auf ihn kann ich zählen. Auf dich nicht."
Als sie geendet hatte, musste sie erst einmal tief durchatmen. Jetzt war sie alles losgeworden. Sie war so froh, dass sie ihm endlich einmal die Meinung sagen konnte.
Jess musste auch einmal tief einatmen. Was Rory gerade gesagt hatte, hatte ihn ziemlich getroffen. Doch am schlimmsten war, dass sie dachte, er würde sie nicht lieben.
"Rory ich liebe dich doch."
"Dann hast du aber eine ganz besondere Art, das zu zeigen."
"Rory, ich weiÃ, ich war damals ziemlich fies zu dir, aber das war alles nicht so gemeint. Ich war einfach überfordert. Ich hatte keine Pläne, ich wusste nicht, wie es mit uns weitergehen sollte. Aber jetzt hab ich Pläne. Wir weden uns eine Wohnung kaufen, wir leben zusammen. Wir können arbeiten, heiraten, Kinder kriegen, egal was, hauptsache wir sind zusammen."
"Jess, du bist verrückt. Wir können das nicht tun. Wovon sollen wir leben? Nur von Luft und Liebe?"
"Das ist doch ganz egal. Wir müssen doch nur diesen Schritt wagen."
"Das ist verrückt Jess. Du erzählst mir hier mit strahlenden Augen von deinen wahnwitzigen Plänen, ohne dabei an mich zu denken, was ich will."
Jess stockte. Sie hatte Recht. Er hatte wieder einmal nur an sich gedacht. Er hatte nicht eine Sekunde daran gedacht, dass sie das vielleicht nicht wollte.
"Und was willst du?"
"Ich will nicht nach Kalifornien, ich will mein Leben in Stars Hollow nicht schon wieder aufgeben, ich will meine Beziehung zu meiner Mum wieder richten, ich will, dass mich Stars Hollow wieder so sieht, wie ich bin, ich will im Herbst nach Yale gehen. Ich will, dass du zurück kommst."
Das wollte sie also. Alles andere, nur nicht mit ihm gehen. Er sollte hier bleiben. Er wusste, dass das auch am vernünftigsten war, doch er konnte es nicht. Er konnte nicht wieder nach Stars Hollow.
"Ich kann nicht zurück."
Sie nickte. Eine einzelne Träne kullerte ihre Wange hinunter. Sie musste seine Entscheidung wohl akzeptieren.
"Jess, ich wünsche dir viel Glück. Ich hoffe, dass es dir in Kalifornien gut geht, dass du etwas aus deinem Leben machts."
"Du hast Recht. Ich weià nicht, was ich mit meinem Leben anfangen soll, ich weià nicht, was mich in Kalifornien erwartet, ich weià nicht, was ich einmal werden will, ich weià nur, dass ich mit dir zusammen sein will."
"Du willst mit mir zusammen sein? Dann bleib in Stars Hollow."
Bevor Jess etwas erwidern konnte, drehte sie sich um und lief davon. Na toll. Sie stellte ihm ein Ultimatum. Was sollte er denn jetzt tun? Er liebte sie, doch nach Stars Hollow konnte er nicht zurück. Er musste sich entscheiden, Rory oder ein Neubeginn in Kalifornien. Er konnte nur eines von beidem haben.
Tritt nicht in die FuÃstapfen anderer, du hinterläÃt sonst selbst keine Spuren.
Rückkehr nach Stars Hollow, Wird er sich jemals ändern? Auf der schiefen Bahn
Kurzgeschichte:
Sometimes it's too late
Die Zeit heilt nicht alle Wunden, aber sie lehrt uns mit dem Schmerz umzugehen.